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Buch-Besprechung: Mark Pallen: THE LAST DAYS OF SMALLPOX: TRAGEDY IN BIRMINGHAM

Juni 2018 Text als pdf

Hans R. Gelderblom

Mark Pallen: THE LAST DAYS OF SMALLPOX: TRAGEDY IN BIRMINGHAM

Amazon, erstveröffentlicht am 9. April 2018, ISBN 9781980455226

325 Seiten; Format 12,5 x 20,2 cm; Preis 14, 68 €

Vor vierzig Jahren, im September 1978, kam es an der Universität Birmingham zu einem tödlichen Pockenfall. Besonders tragisch, denn es war ein Laborunfall, und der trat auf, nachdem die Pocken schon weltweit ausgerottet waren. Der Autor schildert knapp die Geschichte der Pocken und ihre Eradikation "im Feld", dann verschiedene Ausbrüche in UK, auch in D (u.a. Monschau 1961 und Meschede 1970), wo aerogene Übertragungen vermutet wurden. Das Geschehen in Birmingham 1978 steht im Focus: Wie kam es zu den tödlichen Pocken bei der doch wohl unbeteiligten Fotografin Janet Parker und zum Selbstmord des Lehrstuhlinhabers Henry Bedson? In der Folge werden die Kontrolle des Ausbruchs, die Suche nach dem Infektionsweg, der verhängnisvolle Hype der Öffentlichkeit und die juristisch-virologische Aufarbeitung des Ausbruchs detailliert, in insgesamt 69 gut lesbaren Kapiteln.

Der heute 58-jährige Autor ist Mikrobiologe, Spezialist in Microbial Genomics und Bioinformatik. Mit seiner Berufung 2001 nach Birmingham begann er sich für die Details der Tragödie zu interessieren. Er interviewte beteiligte Ärzte, die eminente englische Poxvirologen-Szene und Public Health-Vertreter, er zog auch schriftliche Quellen heran: Berichte der Universität, Krankenblätter und viele hundert Seiten an Prozessakten. Pallen beschreibt auch das kulturell-gesellschaftliche Umfeld und erfasst die Realität von Krankheit und Tod präzise, mit Empathie und mit unterkühltem Humor. Er bringt auch sich selbst ein – wie ich meine, ohne zu überfrachten.

Zu den Details: Der Virologe Henry Bedson (1929-1978) hatte ab 1961 in Liverpool mit Keith Dumbell (1922-2018) den "Temperatur-Marker" zur biologischen Unterscheidung von Pockenviren erarbeitet: Verschiedene Viren nutzen unterschiedliche Temperaturbereiche für ihre Vermehrung. So lassen sich hochpathogene Variola major-Isolate noch bei 38,5 °C anzüchten, während Variola minor sich nur bis 37,5 °C vermehrt. Bedson übernahm 1964 die Leitung der Medizinischen Mikrobiologie in Birmingham. Zu seinen Aufgaben zählte auch das "Pockenlabor", damals weltweit eines von nur noch von 13 Laboratorien, streng überwacht von WHO und staatlichen Stellen. Zur Unterscheidung von Pockenviren auf der Basis ihrer Strukturproteine ("finger-printing") entwickelte Bedson hier Elektrophorese-Verfahren. Die unter D. A. Henderson (1928-2016) seit 1966 betriebene Ausrottung der Pocken ging 1977-78 erkennbar erfolgreich in ihre Endphase. Aber bevor am 9. Dezember 1979 eine Expertenkommision konstatierte "that smallpox has been eradicated from the world", gab es Unsicherheit und eine Phase, in der mehr als 9000 Verdachtsfälle abgeklärt wurden - alle erwiesen sich als "smallpox-negative." Im Nachhinein wissen wir: Die letzte natürliche Erkrankung an Variola major wurde im November 1975 bei Rahima Banu Begum, einem Mädchen in Bangladesch beobachtet, der letzte Variola minor-Fall 1977 in Somalia: Hier erkrankte Ali Maow Maalin am 26. Oktober 1977 an Alastrim, an der klinisch leichten Form der Pocken: beide überlebten ihre Variola ohne Komplikation.

Doch 10 Monate nach diese letzten Pocken "im Feld" kam es noch einem tödlichen Laborunfall. Am 11. August 1978 erkrankt Janet Parker, eine 40-jährige Fotografin aus der Anatomie, mit heftigen Kopf- und Muskelschmerzen. Sie vermutet Vorstadien einer Grippe, aber als zwei Tage später rote Flecken im Gesicht und am ganzen Körper auftreten, konsultiert sie am 14. August ihren Hausarzt. Der diagnostiziert Windpocken, ein zweiter Arzt vermutet eine Medikamenten-Allergie, da Janet Parker unter Tetrazyklin-Therapie stand. Die Hautläsionen werden mehr, entwickeln sich über Bläschen zu Pusteln. Am 24. August wird sie in die Infektionsabteilung eines Krankenhauses aufgenommen. Ihre Mutter erinnert, dass Janet als Kind die Windpocken durchgemacht habe, aber für das Konsilium liegt die Diagnose "Pocken" immer noch fern: "Oh, it´s nothing like that – she is British and has´nt been out of the country for more than five years". Ein Tropenmediziner schöpft schliesslich Verdacht: Er entnimmt Bläschen-Flüssigkeit und bringt die Probe noch spätabends zu Professor Bedson zur diagnostischen Elektronenmikroskopie. Am Bildschirm zeigen sich "Quaderviren", in Grösse und Form typisch für Variola, aber auch für Vaccinia, Kuhpocken und andere Orthopockenviren. Vorgeschichte und klinischer Befund lassen nun keinen Zweifel mehr. Der Seuchen-Alarmplan rollt noch am selben Abend an: Janet Parker wird in eine Isolierstation überführt und ihre Kontakte, Verwandtschaft, Kollegen, Pflegepersonal und Ärzte, werden ermittelt. Die 75 Nahkontakte werden am 25. August unter häusliche Quarantäne gestellt, revakziniert, wenn die Schutzimpfung mehr als 5 Jahre zurückliegt, und zusätzlich mit Vaccinia-Immunglobulin behandelt. Insgesamt werden 328 Personen zu Haus oder stationär unter Quarantäne gestellt und mehr als 3400 Personen vakziniert.

Der Ausbruch ist damit begrenzt. Allein noch Janet Parkers Mutter erkrankt leicht und gesundet wieder. Parallel beginnt ein Gremium der Universität Birmingham, die Christie-Gruppe, nach dem Ursprung der Infektion zu suchen, während die Presse schon die Frage nach dem Schuldigen stellt. Das von Parker isolierte Virus erweist sich als ein Variola major-Agens. Aber woher sollte das Virus kommen? Die Patientin war weder in Pocken-Endemiegebieten gereist, noch hatte sie Kontakte zu Pockenkranken. Als Quelle rückt das Pockenlabor in den Focus. Bedson hatte hier im Juli 1978 an Variola major-Isolaten aus Pakistan gearbeitet, alles in dem kleinen, gut abgetrennten "Smallpox-Labor" unter einer regelrecht entlüfteten Sicherheitswerkbank. Dem Smallpox-Labor war ein grösseres, allgemeines Pockenlabor mit Brutschränken und Tiefkühltruhe auch für weniger gefährliche Arbeiten vorgeschaltet: Zugang hatten hier nur die vier Mitglieder der kleinen Pockenarbeitsgruppe. Die Sicherheit erschien hinreichend, bestätigt noch im Mai 1978 von der WHO. Da Janet Parker nicht für die Mikrobiologie, sondern ausschliesslich "oben", für die Anatomie, arbeitete, konnte sie sich nicht direkt an "Pockenproben" infiziert haben. Aber wie dann? Analog zum Meschede-Ausbruch 1970 postulierte die Chrystie-Gruppe hier eine Übertragung durch ein infektiöses Aerosol.

Das Pockenlabor wird gesperrt, für mehrere Tage auch die gesamte Abteilung Mikrobiologie. Es gibt öffentlichen Druck: ein Gerücht geht um, dass Bedson durch genetische Manipulation eine gefährliche, Vakzine-resistente Variante geschaffen habe. Gewerkschaften und Presse fordern, alle Mitarbeiter der Abteilung unter Quarantäne zu stellen und überhaupt alle Arbeiten mit Pockenviren für immer einzustellen. Bedson selbst wird von seinen Pflichten als Institutsleiter entbunden und am 30. August zu Haus unter Quarantäne gestellt: Politisch korrekt, aber nicht hilfreich oder gar notwendig. Das Christie-Gremium muss seine Untersuchung einstellen, stattdessen wird am 31. August 1978 vom Gesundheitsministerium die hochrangige Shooter-Kommission eingesetzt.

Bedson wird auch aus der Universität heraus zunehmend zum Beschuldigten. Zu Haus, in Quarantäne, kann er aber kaum zur Aufklärung beitragen. Er beantwortet weiter alle Presse-Anfragen. Diese Kontakte behielt sich vor, weil er nichts zu verheimlichen habe. Die Isolierung in der Quarantäne, die Hype der Medien mit ihren fake news entmutigten den 49-Jährigen derart, dass er am 1. September 1978 einen Selbstmordversuch unternimmt. Seine Frau findet ihn mit durchschnittener Kehle im Gartenhaus, später auch einen "Abschiedsbrief" – einen Zettel mit nur drei Sätzen: Bedson bedauert, dass er das Vertrauen seiner Freunde und Kollegen nicht erfüllen konnte, dass er seine Frau und Kinder in diese verzweifelte Situation gebracht habe, und: "I realize this act is the least sensible thing I have done, but it may allow them to get some peace". Wie im ganzen Buch berichtet der Autor nüchtern und detailliert: Das Küchenmesser, die Länge des Schnittes und welche Gefässe durchtrennt waren. Diese Art von Genauigkeit ist nicht immer gut zu ertragen, aber als "disgusting" empfinde ich sie nicht.

Bedson verliert sehr viel Blut: Er wird in eine Unfallklinik gebracht, notoperiert und künstlich beatmet. Er ist bewusstlos und wird von den Apparaten getrennt, als er am 6. September keine Hirnaktivität mehr zeigt. In der amtlichen Todesfall-Untersuchung wird als Hauptursache Bedsons mentale Belastung durch die rüde "Öffentlichkeit" genannt. Owen Wade, Rektor der Universität, konstatiert: "Henry should have cut his telephone wires not his neck".

Zuvor, am 24. August, war Janet Parker mit hohem Fieber in Birminghams Pocken-Isolierstation eingeliefert worden. Die primär einzeln stehenden Bläschen und Pusteln beginnen zusammenzufliessen. Sie leidet: Pneumonie, Nieren-Probleme, Diarrhoe und Wundliegen kommen hinzu. Janet Parker erblindet, verliert das Bewusstsein und stirbt am 11. September 1978. Aber die bis heute letzte Pockeninfektion trifft ihre Mutter Linda Witcomb, die sich bei der Pflege ihrer Tochter angesteckt hatte. Die Mutter war geimpft, erkrankt nur leicht und wird am 22. September 1978 gesund entlassen.

Das Shooter-Gremium umfasst hochrangige Mitglieder britischer Wissenschaftsbehörden; Vertreter aus dem Kreis der britischen Pocken-Virologen, aus Ärzteschaft und Universitäten aber fehlen. Das Gremium soll die Umstände der Infektion und ihre Ursachen klären, unter dem Druck der Öffentlichkeit sucht man aber auch schnell nach Schuldigen. Klar wird: Janet Parker und ihre Mutter sind mit dem Stamm Abid, einem Variola major-Virus infiziert und Bedson hatte mit Abid im Smallpox-Labor gearbeitet. Wie konnte das Virus hier entkommen?

Das Gremium weist unter bestimmten Bedingungen einen Luftzug nach - aus dem Sicherheitslabor in das vorgeschaltete allgemeine Pockenlabor. Die Luft zieht dann "nach oben" durch einen auf das Dach reichenden Service-Schacht. Dabei entweicht ein kleiner Anteil durch undichte Serviceklappen in das Obergeschoss, in den Arbeitsbereich von Janet Parker und zu einem von ihr häufig genutzten Telefon. Das Gremium erfuhr weiter, dass Janet hier am 25. Juli eine grosse Menge an Fotomaterialien geordert hatte, an dem Tag, an dem auch mit Abid im Pockenlabor gearbeitet wurde.

Der durch Rauchteste bestätigte Luftzug in das Obergeschoss sprach für einen aerogenen Infektionsweg. Gestützt wurde die "Pocken im Schacht"-These auch durch eine unerklärte Pockenerkrankung, die sich bereits 1966 in denselben Räumen ereignet hatte. Der Fotograf McLennan erkrankte hier an einer Variola minor, als "unten", im Pockenlabor, mit einem minor-Stamm gearbeitet wurde: Alternativen, etwa direkte Kontakte unter Kollegen, wurden 1966 wie 1978 überprüft, auch gefunden, aber wenig beachtet.

Bei der Frage, wie es zur Infektion der Fotografin kommen konnte, stösst das Shooter-Gremium auf Sicherheitsschwächen. In der Tat, bereits im Februar 1976 war offiziell festgestellt worden: Im Pockenlabor gibt es keine Dusche, keinen doppelseitigen Autoklaven und keinen Umkleideraum. Dennoch durfte Bedson seine Pocken-Arbeiten fortsetzen, weil er selbst als höchst umsichtig und erfahren galt und seine Pocken-Mitarbeiter gut betreute. Hinzu kamen ein striktes Vakzinierungs-Regime und die Public Health-Forderung, ein solches Labor für die Diagnostik von Ausbrüchen bereit zu halten. Doch das Shooter-Team bewertet die Defizite als erheblich und erhebt Vorwürfe gegen die Universität und gegen Bedson. Als Institutsleiter war er verantwortlich für die Biologische Sicherheit der gesamten Medizinischen Mikrobiologie, zugleich aber auch für die Sicherheit seines Pocken-Labors. Bei seiner Aufgabenfülle aber könne Bedson die Poxvirus-Gruppe kaum angemessen überwacht haben. Der Bericht geht am 21. Dezember 1978 zunächst an den Staatssekretär für Gesundheit, der aber gibt ihn an Clive Jenkins weiter, den Führer der damals hochaktiven Gewerkschaft Leitender Angestellter und Techniker. Die strengt für ihr verstorbenes Mitglied Janet Parker einen Prozess gegen die Universität wegen mangelhafter Arbeitsbedingungen an. Der Shooter-Bericht gelangt am 4. Januar 1979 in die Öffentlichkeit, seine Vorwürfe führen zu massiver Vorverurteilung: Der Prozess wird deshalb in den Oktober 1979 verschoben.

Anhand der Prozessakten schildert der Autor in acht Kapiteln das scharfe Gegeneinander von Anklage und Verteidigung, die sich wesentlich auf britische Pocken-Experten stützt.

Bei der Befragung seiner Mitarbeiter wird Bedsons Ruf als gewissenhafter Chef des Pocken-Labors wieder hergestellt und aus den Laborbüchern ergab sich, dass mit dem Abid-Virus bis in den August hinein gearbeitet worden war. Solche Studien seien unverzichtbar, um humane Poxviren zu differenzieren und von animalen OPV zu unterscheiden, betont Keith Dumbell als Zeuge. Wie aber hat Abid zur tödlichen Infektion geführt? Die logisch-schöne Hypothese einer Übertragung durch eine Luftströmung, durch "long range airborne transmission", wird zunehmend angezweifelt. Dieser Weg gelte auch für Meschede 1970 nicht als gesichert, sondern nur als "most probable". Denn in Meschede habe man Kontakte durch diensthabende Ärzte oder Nachtschwestern zwischen dem Indexfall und den 20 Sekundär- und Tertiärfällen in den zwei Stockwerke darüber nicht ausschliessen können. War in Meschede mit seinen vier Todesfällen die aerogene Übertragung, d. h. eine Tröpfcheninfektion durch den schweren und sicherlich infektiöses Husten des Indexfalls, in den Vordergrund gerückt worden, um angesichts der fatalen Folgen nicht auch noch andere, nämlich Klinikmitarbeiter, als Überträger festmachen zu müssen? In Birmingham hatte wohl Zellkulturvirus zur Infektion geführt: Keith Dumbell hält die Entstehung eines infektiösen Aerosols angesichts der im Rauchtest nachgewiesenen hohen Verdünnung als "highly implausible", andere Übertragungswege rücken in den Focus.

Die Punkte der Anklage, dass Bedsons Labor nicht den Sicherheitsstandards genüge, dass er Forschung und Diagnostik parallel im selben Labor betrieben und Zellkulturvirus auf dem Labortisch geerntet habe, werden von den erfahrenen Pockenexperten gekontert: Den "offiziellen Standards" genügten weder die meisten Pox-Labore in UK, eingeschlossen das renommierte Porton Down, noch das Smallpox-Labor in Moskau, die Koexistenz von Diagnostik und Forschung sei nur förderlich und das Ernten von Zellkulturvirus auf dem Labortisch, ausserhalb der Sicherheitswerkbank, erscheint den Experten sicherer als innerhalb der Werkbank mit ihrem begrenzten Platz. "Offizielle" Bestimmungen müssten eh nicht sklavisch befolgt, sondern im Labor interpretiert werden: Die Richtigkeit dieser Maxime zeige sich darin, dass sich in Bedsons Labor weder kontaminierendes Virus noch Radioaktivität auf Tischflächen oder Fussboden gefunden habe und dass es über Jahre auch keine Virus-Verunreinigung im Labor gegeben habe. Generell halten die Experten die aerogene Übertragung von Pocken über grössere Distanzen für sehr unwahrscheinlich, denn wäre sie relevant, dann hätte die Pocken-Ausrottung nicht gelingen können und in Birmingham hätte es neben Janet Parker wohl weitere Opfer gegeben. Schliesslich: Angesichts der nahen Ausrottung der Pocken und der gesundheitlichen Risiken der Pockenschutz-Impfung wäre in den späten 1970er Jahren eine Auffrischungsimpfung über den Laborbereich hinaus nicht mehr vertretbar gewesen. Die Verteidigung schliesst hoch-emotional: "The procedures that he carried out, his great care, his great concern for the safety of others, all show that the University placed in him, in the right man, every confidence that their laboratory would be used in a safe and proper manner". Die Vorwürfe der Anklage: Fehlender Impfschutz, "Pocken im Schacht" und mangelhafte Laborsicherheit fallen in sich zusammen, die Universität und Professor Bedson werden entlastet.

Wie aber kam es zur Infektion? Es bleibt bei Hypothesen und einer Verkettung möglicher (?) Faktoren. Janet Parker war 1966 vakziniert worden, beim damaligen Pockenausbruch, und sie hatte 1978 definitiv Kontakte zu Mitarbeitern in der Mikrobiologie, auch zum Pockenlabor. Ihre Pocken-Immunität war mit der 12 Jahre zurückliegenden Vakzinierung allenfalls schwach. Die Haut ihrer Hände mag durch die Einwirkung ätzender Flüssigkeiten in der Nassdunkelkammer ihre schützende Barrierefunktion verloren haben. Hatte Virus, aus dem Pocken-Labor nach "draussen" verschleppt, zur Infektion über die geschädigte Haut geführt? Weitere Rätsel gibt auch der protrahierte Verlauf ihrer Krankheit zum Tode auf. Welche Rolle spielte dabei ihre renale Grunderkrankung?

Der Autor präsentiert auch aktuelle Statistiken zu Labor-Infektionen und erwähnt, dass Risiken in "vergessenen" Kühltruhen, in Resten aus früheren Biowarfare-Programmen, aber auch in Gentechnik und synthetischer Biologie existierten. Wann immer Menschen involviert seien, liesse sich das Risiko einer Laborinfektion oder von Bioterrorismus nicht völlig eliminieren.

Ich hab das Buch mit grossem Interesse gelesen. Es ist umfassend dicht mit Fakten zum Geschehen in Birmingham 1978 und seinen virologischen und juristischen Aspekten, verständlich und spannend geschrieben und dennoch wissenschaftlich zuverlässig und unangestrengt lehrreich. Es dürfte nicht nur Virologen und Public Health interessieren, sondern auch den allgemein interessierten Laien (sofern er denn englisch versteht). Das Buch schliesst vergleichend-kontrastierend mit einem Blick auf unsere Zeit, auf die erfolgreiche Eindämmung der Ebola-Epidemie 2015 und enthält Index, Glossar, Personenverzeichnis und nahe 600 Zitate, bis ins Jahr 2018 geführt. Dass letztere überwiegend aus dem englischen Sprachraum stammen, muss uns nicht grämen, denn die Pocken waren in D nach der Einführung der Pockenimpfpflicht 1874 und nach dem Verlust der Kolonien kein dringendes Thema mehr.

Hans R. Gelderblom, Seddin, am 24. Juni 2018