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Nachruf auf Christian Kunz, 1927 – 2020


Am Ostersonntag, den 12. April, ist Christian Kunz im 93. Lebensjahr verstorben. Er war der Begründer und langjährige Vorstand des Instituts für Virologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien (jetzt Medizinische Universität Wien) und geht als Pionier und prägende Gestalt für die Entwicklung der Virologie in Österreich sowie als Vater des FSME- (‚Zecken‘-) Impfstoffes in die medizinische Geschichte ein.

Christian Kunz wurde am 13. Oktober 1927 in Linz geboren, studierte nach dem zweiten Weltkrieg in Wien und Innsbruck Medizin und trat nach seiner Promotion im Jahr 1954 in das Hygiene-Institut der Universität Wien ein. Zunächst arbeitete er als unbezahlter Gastarzt, dann als wissenschaftliche Hilfskraft. Die Virologie präsentierte sich dem jungen Christian Kunz in den 50er Jahren als ein aufstrebendes Forschungsgebiet mit vielen technologischen Neuerungen und bahnbrechenden Entwicklungen, wie z.B. die Verwendung von Zellkulturen für die Virusvermehrung und die Entwicklung der Polio-Impfstoffe. Das wissenschaftliche Interesse für die Virologie wurde von seinem Chef, Richard Bieling, gefördert indem er ihm Studienaufenthalte an den damaligen Hochburgen für Virologie in Deutschland bei Spitzenforschern in Freiburg, Tübingen und Marburg ermöglichte. Damit lernte Kunz den in dieser Zeit aktuellsten Stand der modernen Virusforschung kennen und kehrte mit großer Begeisterung (und ausgerüstet mit Zellkulturen für seine wissenschaftliche Arbeit) nach Wien zurück. Genau zu dieser Zeit war es am Wiener Institut gelungen, ein Virus als Erreger der zunächst rätselhaften, im Süden von Wien gehäuft auftretenden sogenannten ‚Schneiderschen‘ Erkrankung zu isolieren. Dieses Virus wurde dann als Frühsommermeningoenzephalitis (FSME)-Virus bezeichnet und stand in weiterer Folge im Zentrum des Forschungslebens von Christian Kunz.

Seine Publikationen fanden bald internationale Beachtung und er wurde eingeladen, seine Forschungensarbeiten an den Rockefeller Laboratories in New York mit einem Stipendium der Rockefeller Foundation fortzusetzen. Er kam somit 1961-62 an eine Forschungseinrichtung, die mit führenden Virologen dieser Zeit geradezu gespickt war, und lernte unter anderen auch Max Theiler kennen, der 1951 für die Entwicklung des Gelbfieber Impfstoffes den Nobelpreis für Medizin erhalten hatte. Dieser Forschungsaufenthalt und der Kontakt mit herausragenden Wissenschaftlern prägten seine weitere Laufbahn.

Zurück in Wien wurde er von Hans Moritsch, dem neuen Vorstand des Hygiene-Instituts, mit der Leitung einer neu etablierten Virusabteilung betraut und baute mit seinem in den USA erworbenen Wissen einen Forschungsschwerpunkt auf dem Gebiet der durch Arthropoden übertragenen Viren (ARBO-Viren) auf. Das FSME-Virus spielte auch in dieser Phase eine zentrale Rolle. Es wurden für die damalige Zeit überaus innovative Techniken der spezifischen Diagnostik entwickelt, der Kreislauf des Virus in der Natur erforscht und die Infektionsorte des Menschen in Österreich (Stichwort ‚Zeckenkarte‘) ermittelt.

Nach dem Tod von Hans Moritsch wurde Heinz Flamm Vorstand des Hygieneinstituts und ermöglichte die Gründung eines eigenen Instituts für Virologie, zu dessen Leiter Christian Kunz als Ordinarius für Virologie im Jahr 1971 ernannt wurde. Seine Arbeiten über die Epidemiologie der FSME verdeutlichten ihm das Ausmaß der FSME als die mit Abstand häufigste virusbedingte Erkrankung des Zentralnervensystems in den Endemiegebieten und veranlassten ihn dazu, seine Kenntnisse für die Entwicklung eines Impfstoffs einzusetzen. Diese Anstrengung, zunächst in Kooperation mit einem englischen Forschungsinstitut und dann später mit dem österreichischen Pharma-Unternehmen Immuno, war von großem Erfolg gekrönt und führte zur Herstellung eines hochwirksamen Impfstoffes. Dessen breite Anwendung bewirkte einen eindrucksvollen Rückgang der FSME in Österreich. Als Anekdote sei erwähnt, dass sich er und sein damaliger Mitarbeiter Hanns Hofmann (der ebenfalls leider bereits verstorben ist) den ersten experimentellen Impfstoff gegenseitig verabreichten und in diesem Selbstversuch nach einigen Wochen mit einiger Erleichterung dessen gute Verträglichkeit feststellen konnten.

Die Entwicklung des FSME-Impfstoffes ist wahrscheinlich die Leistung, mit der der Name Christian Kunz am stärksten verbunden ist. Allerdings ist seine Bedeutung für die Entwicklung der Virologie in Österreich und in Europa wesentlich umfassender, vor allem durch sein engagiertes Wirken im Bereich der Virusdiagnostik und der medizinischen Virologie. Er war 1975 Gründungsmitglied und später jahrelang Chairman der ‚European Group for Rapid Virus Diagnosis‘, einem Zusammenschluss führender medizinischer Virologen aus mehreren europäischen Ländern, die sich vor allem mit der Entwicklung neuer Methoden zur Früherkennung von Virusinfektionen befassten. Damit erlangte die Virusdiagnostik eine neue und für die klinische Betreuung von Patienten relevante Bedeutung. Die Qualität der gesetzten Impulse war herausragend, sodass diese Vereinigung (die seit 1997 in die ‚European Society for Clinical Virology‘ übergegangen ist) damals weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen konnte. Christian Kunz war mehrere Jahre Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Hygiene, Mikrobiologie und Präventivmedizin und in zahlreichen nationalen und internationalen Gremien ein hochgeschätzter Fachmann, der seinen Sachverstand in den Dienst gesundheitspolitischer Entscheidungen stellte. So trug er Mitte der Achtziger Jahre wesentlich dazu bei, dass beim damals neuen Problem der HIV-Infektionen in Österreich eine Evidenz- und nicht Angst-basierte Herangehensweise gewählt wurde.

Im Jahr 1996 ist Christian Kunz emeritiert, und 2006 wurde er mit der Loeffler Frosch Medaille der internationalen ‚Gesellschaft für Virologie‘ für seine herausragenden Verdienste um die Entwicklung der Virologie im deutschsprachigen Raum ausgezeichnet. In Würdigung seiner besonderen Leistungen hatte er bereits 1988 die Ehrenmedaille in Gold der Bundeshauptstadt Wien erhalten, und er war auch Ehrenmitglied verschiedener nationaler und internationaler Wissenschaftsgesellschaften.  Eine seiner großen Fähigkeiten bestand darin, an seinem Institut eine für alle Teile fruchtbare Symbiose von medizinisch-virologischer Forschung und Virusdiagnostik mit der molekularen Grundlagenforschung herbeizuführen. Er tat das als Führungspersönlichkeit in einer Art und Weise, die für seine Mitarbeiter die Arbeit fast immer zum Vergnügen machte. Das war vor allem auf seine stets wohlwollende, unterstützende, fördernde und auf die Fähigkeiten der Mitarbeiter vertrauende Grundhaltung zurückzuführen, sowie auf seinen - auch in schwierigen Zeiten - nie versiegenden und ansteckenden Sinn für Humor. Ich persönlich und viele andere, die das Glück hatten mit ihm zusammenzuarbeiten, sind ihm nicht nur für seine wissenschaftlichen Leistungen, sondern auch für seine Großzügigkeit, menschliche Größe und Freundschaft dankbar.

Franz X. Heinz, oUnivProf. iR, Zentrum für Virologie, Medizinische Universität Wien
Email: Franz.X.Heinz@meduniwien.ac.at