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Frau Prof. Dr. med. Gisela Enders –

Ein Leben für die medizinische Virologie (1924 – 2021)

Am 1. Mai 2021 ist Frau Prof. Dr. med. Gisela Enders, eine Pionierin der medizinischen Virologie, in ihrer Heimat Stuttgart verstorben. Wir sind von Trauer und Hochachtung erfüllt und blicken auf ihr Lebenswerk, das zugleich einen Einblick in die Entwicklung der Virologie in Deutschland als selbständiges Fach in Wissenschaft, Hochschullehre und Medizin gibt.

Frau Enders wurde am 25. Mai 1924 in Stuttgart als Gisela Ruckle geboren und wuchs als echte Schwäbin auf: Sie war fleißig, erfindungsreich, gewitzt, hartnäckig, fürsorglich und durchsetzungsfähig. Medizin zu studieren war ihr großer Wunsch. Selbstständig wechselte sie im Alter von 15 Jahren auf ein Gymnasium und studierte nach dem Abitur von 1943 - 1949 Medizin in München und Tübingen (Promotion 1953). Unter Kriegsbedingungen leistete sie Krankenpflegedienst in einem Lazarett. Nach verschiedenen Zwischenstationen als Gastassistentin an der Universitätskinderklinik in Cambridge und als wissenschaftliche Assistentin in Heidelberg am Institut für Virusforschung nahm sie die Chance wahr, von 1953 - 1956 in den USA die neuesten Entwicklungen der Medizin und Infektiologie kennenzulernen. Die Seuchenbekämpfung war damals eine schicksalhafte, weltweit präsente Herausforderung, insbesondere was die ätiologisch noch weitgehend unerforschten Viruskrankheiten anging. Es gab noch keine funktionierenden Impfungen gegen Influenza, Poliomyelitis, Masern u. a. . Die scheinbar harmlose Kinderkrankheit Röteln war erst 1941 als Verursacher von Embryo- und Fetopathien erkannt worden. Es fehlten Laboranalysen und Erregerisolierung. In Amerika gelang es der jungen deutschen Ärztin u. a. mit einem Fulbright-Fellowship, Mitarbeiterin in Laboratorien amerikanischer Virologie-Pioniere zu werden, zunächst bei Dr. J. Salk (Pittsburgh), der den ersten Polio-Impfstoff entwickelte, und dann bei Dr. J.F. Enders (Harvard, Boston), der gemeinsam mit anderen Forschern die Zellkulturtechnologie etablierte, um pathogene Viren zu isolieren und in beliebiger Menge anzüchten zu können. Das war der entscheidende Durchbruch zur Produktion von Impfstoffen, zur Herstellung von Antigenen für die routinemäßig durchführbare Serodiagnostik und Immunitätsbestimmung, zur Analyse der Virusreplikation und Entwicklung einer spezifischen Therapie.

Bereits im Labor von Salk isolierte Gisela Enders das Masernaffenvirus aus Affennierenzellen. In der Gruppe von J.F. Enders entdeckte sie dann die enge Verwandtschaft zwischen dem Masernaffenvirus und dem menschlichen Masernvirus. Zu dem Nobelpreisträger J.F. Enders bestand keine verwandtschaftliche Beziehung. Aber: „Nomen est omen“, denn Frau Ruckle erhielt den Namen Enders 1957 durch Heirat mit Dr. Gerhard Enders in Deutschland.

Für Frau Enders war der Weg als Frau und Deutsche in den USA doppelt schwierig. Mit großem Engagement und unermüdlichem Fleiß hat sie viel zu den Entwicklungsarbeiten in der aufblühenden Virologie beigetragen und zusätzlich mit ihrer gewinnenden Art geholfen, Vorurteile abzubauen.

Im Jahr 1956 kehrte Frau Enders nach Europa zurück. Zunächst war sie im Institut Mérieux in Lyon am Aufbau der Produktion von Impfstoffen gegen Röteln und Masern beteiligt. Gemeinsam mit anderen US-Rückkehrern hat sie zu dem Technologietransfer beigetragen, der den Aufstieg der Virologie in Deutschland auf ein Spitzenniveau ermöglicht hat. Als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Hygiene-Institut der Universität Marburg baute sie eine leistungsfähige Virusdiagnostik auf. Schnell erwarb sie sich hohes Ansehen bei der Ärzteschaft in und außerhalb des Universitätsklinikums als kompetente Ansprechpartnerin und Ratgeberin. Ihr lebhaftes Naturell, ihre klaren Stellungnahmen und ihre Verantwortungsbereitschaft im klinischen Problemfall oder in der Epidemiebekämpfung sowie ihr umfangreiches Wissen fanden schnell große und lebenslang bleibende Anerkennung und machten sie früh zu einer begehrten Autorin von medizinischen Buch- und Zeitschriftenbeiträgen.

Im Jahr 1963 zog Frau Enders mit ihrem Mann, dem Orthopäden Dr. Gerhard Enders nach Stuttgart, in die Stadt, die für Gisela und Gerhard Enders und deren beiden Söhne Christoph und Martin zum Lebensmittelpunkt wurde. Dort trat sie in das Stuttgarter Medizinische Landesuntersuchungsamt ein, richtete eine moderne Abteilung für Virusdiagnostik ein und stieg zur Regierungsmedizinaldirektorin auf. Im Jahr 1973 wurde sie habilitiert und erhielt 1976 zuerst in Marburg und dann 1984 in Stuttgart eine Honorarprofessur.

Wissenschaftlich wandte sie sich verstärkt der Problematik von Infektionen mit Röteln und anderen Viren zu, welche die Schwangerschaft und Leibesfrucht gefährden. Im Staatsdienst fühlte sie sich in ihrer Forschungstätigkeit zunehmend eingeschränkt. Kurz entschlossen gab sie daher die gesicherte Beamtenlaufbahn auf und gründete 1979 als Fachärztin für Medizinische Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie mit hohem unternehmerischen Risiko eine eigene Laborpraxis mit virologischem Schwerpunkt. Das Unternehmen hatte durchschlagenden Erfolg. Es ist schnell gewachsen und heute ein großes Institut, das alle Zweige der Labormedizin mit den modernsten Methoden abdeckt und von einer Gemeinschaft mehrerer Laborärzte und Laborärztinnen als Medizinisches Versorgungszentrum betrieben wird. Frau Enders hat ihr Institut mit unermüdlicher Energie stets innovativ geführt und allen diagnostischen Neuentwicklungen angepasst. Herausragend war der ungewöhnlich enge und vertrauensvolle Kontakt zur Ärzteschaft. Das ermöglichte ihr die Durchführung von ungewöhnlich großen und konsistenten wissenschaftlichen Studien auf ihrem Hauptarbeitsgebiet, der Perinatalmedizin. Ihre Erkenntnisse hat sie in vielen internationalen Journalen der Virologie und deutschen Zeitschriften der medizinischen Fortbildung und Buchbeiträgen veröffentlicht. Ihr Buch „Infektionen und Impfungen in der Schwangerschaft“ (1991) wurde zur infektiologischen „Bibel“ der Gynäkologie und Perinatalmedizin. Darüber hinaus verfasste sie zahlreiche Originalarbeiten zum gesamten Spektrum endemischer und neu auftretender Viruskrankheiten und engagierte sich weiterhin für die klinische Virologie in nationalen und internationalen Fachgesellschaften. Hier ist u. a. die Deutsche Vereinigung zur Bekämpfung der Viruskrankheiten e. V. (DVV) zu nennen, die bald nach der Rückkehr von Frau Enders aus den USA von den deutschen Bundesländern zur wissenschaftlichen Beratung (zunächst in der Poliomyelitis-Problematik) gegründet worden war. Die DVV hat der klinischen Virologie, der Kinderheilkunde und dem öffentlichen Gesundheitsdienst erstmals ein Forum geboten, in dem sich die virologischen Experten in Deutschland beraten und in der Praxis austauschen konnten. Selten haben so viele Lehrstuhlinhaber und Abteilungsleiter gemeinsam pipettiert, oft unter Mitwirkung von Gisela Enders. Sie konnte dafür aus einer sprudelnden Quelle schöpfen, der „European Group for Rapid Viral Diagnosis“, die sie mitbegründet hat und deren Ehrenmitglied sie wurde. Durch Zusammenlegung mit der „European Association against Poliomyelitis and Other Viral Diseases“ entstand daraus später die „European Society for Clinical Virology“ (ESCV). Frau Enders hat bis ins hohe Alter ihr hochanerkanntes Laborinstitut geführt, in dem ihr Sohn Priv.-Doz. Dr. Martin Enders vor wenigen Jahren an ihre Stelle getreten ist und ihr Lebenswerk weiterführt.

Gisela Enders hat sich gegen alle Widerstände durchgesetzt und wurde als Wissenschaftlerin, klinisch tätige Ärztin und Unternehmerin stets anerkannt und bewundert. Ihr Schaffen wurde vielfach ausgezeichnet mit nationalen und internationalen Preisen, Orden und Ehrenmitgliedschaften, u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande für die Leistungen auf dem Gebiet der Virusforschung, der Haackert-Goldmedaille für Verdienste auf dem Gebiet der Pränataldiagnostik, der Albert-Schweitzer-Medaille und dem Maternité-Preis der Deutschen Gesellschaft für Perinatale Medizin. Im Jahr 2011 wurde sie mit der Loeffler-Frosch-Medaille der Gesellschaft für Virologie für ihr Lebenswerk geehrt.

Mit Gisela Enders verlieren wir die Grande Dame der klinischen Virologie. Sie hat dieses Fach als Pionierin maßgeblich geprägt, indem sie patientenorientierte Diagnostik und wissenschaftliche Tätigkeit verband. Stets unterstützte und förderte sie mit ihrer selbstlosen und wohlwollenden Art ihr Institutsteam sowie ihre Kolleginnen und Kollegen in Nah und Fern und war dadurch nicht nur als Wissenschaftlerin hochgeachtet, sondern auch als Ratgeberin und Freundin generationsübergreifend äußerst geschätzt und beliebt.

Wir werden sie vermissen und in bleibender Erinnerung behalten.

 

Hans W. Doerr                                                                          Heinz Zeichhardt