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Steckbrief Varizellen-Impfstoff (09.03.2012) |
Herstellung und Zusammensetzung
Die verfügbaren Varizellen-Impfstoffe sind attenuierte Lebendimpfstoffe, die auf dem Oka-Stamm des Varicella-Zoster-Virus (VZV) beruhen. Dieser Virusstamm wurde Anfang der 70er Jahre in Japan aus Bläscheninhalt eines 3-jährigen Kindes mit dem Familiennamen Oka isoliert. Zur Abschwächung der Virulenz des Virus erfolgten wiederholte Passagen in humanen embryonalen Lungenfibroblasten bei 34°C mit anschließender Kultivierung in embryonalen Fibroblasten von Meerschweinchen bei 37°C. Das auf humane embryonale Lungenfibroblasten zurück übertragene, attenuierte Oka-Impfvirus bildet die Grundlage für alle verfügbaren Varizellen-Impfstoffe und ist der einzige von der WHO empfohlene Virusstamm für die Anwendung am Menschen.
Die von verschiedenen Firmen hergestellten Oka-Varizellen-Impfstoffe unterscheiden sich in der Anzahl der Viruspassagen in humanen diploiden Zellkulturen, im Gehalt an vermehrungsfähigem Virus und im Zusatz von Stabilisatoren. Derzeit werden lyophilisierte Impfstoffe vertrieben, die eine Aufbewahrung im Kühlschrank für 18-24 Monate erlauben. Die Impfstoffe enthalten mehr als 1.350 plaquebildende Einheiten VZV-Oka-Impfvirus in 0,5 ml und sind frei von Konservierungsmitteln. Gegenwärtig stehen in Deutschland die monovalenten Varizellenimpfstoffe Varilrix des Herstellers GlaxoSmithKline und Varivax® des Herstellers Aventis Pasteur MSD sowie die MMR-Varizellen (MMRV)-Vierfachimpfstoffe Priorix-Tetra® von GlaxoSmithKline und ProQuad® von Merck & Co. sowie Sanofi Pasteur MSD zur Verfügung.
Anwendung
Seit August 2004 wird die Varizellen-Impfung von der Ständigen Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) für alle Kinder und Jugendliche empfohlen. Die 1. Dosis der Impfung wird in der Regel im Alter von 11-14 Monaten appliziert, und zwar entweder simultan mit der 1. MMR-Impfung oder frühestens 4 Wochen nach dieser. Es kann auch ein MMRV-Kombinationsimpfstoff angewendet werden. Die 2. Impfung sollte im Alter von 15 bis 23 Monaten erfolgen. Der Mindestabstand zwischen zwei Dosen Varizellen- bzw. MMRV-Impfstoff sollte 4 bis 6 Wochen in Abhängigkeit vom verwendeten Impfstoffprodukt betragen (Fachinformation beachten). Noch ungeimpfte 9- bis 17-Jährige ohne Varizellen-Anamnese sollten möglichst bald geimpft werden, da die Erkrankung bei ihnen mit einer höheren Komplikationsrate einhergeht.
Verträglichkeit
Für gesunde Kinder sind Varizellen-Impfstoffe gut verträglich. Die häufigsten unerwünschten Ereignisse sind Reaktionen an der Impfstelle, wie sie auch bei anderen Impfungen bekannt sind. Eine unbeabsichtigte Impfung von Personen, die bereits Varizellen hatten bzw. nach subklinischer Infektion seropositiv sind, hat keine Zunahme von Nebenwirkungen zur Folge. Varizellenartige Exantheme, die innerhalb der ersten zwei Wochen nach Impfung auftreten, sind meist Wildvirus-Infektionen. Später auftretende Effloreszenzen werden in aller Regel durch das Impfvirus verursacht, sind aber äußerst selten. Bei schwer immundefizienten Personen, die in Unkenntnis der Grundkrankheit geimpft werden, besteht die Gefahr von lebensbedrohlichen Komplikationen, so dass in diesen Fällen eine Kontraindikation für die Varizellenimpfung vorliegt. Prinzipiell kann das Impfvirus nach Impfung latent in sensorischen Ganglien verbleiben und mittels Reaktivierung einen Zoster verursachen. Zoster-Erkrankungen durch das Impfvirus wurden in der Literatur bislang selten beschrieben.
Wirksamkeit
Der Varizellen-Impfstoff induziert sowohl eine humorale als auch eine zelluläre Immunität. Er schützt über 95% der Geimpften vor schweren Varizellen und verhindert bei 70-90% der Impflinge eine Erkrankung jeglichen Schweregrades. Varizellen, die frühestens 43 Tage nach Impfung auftreten, werden als Durchbruchserkrankungen bezeichnet. Sie werden jährlich bei 1-4% der Geimpften beobachtet und sind die Folge einer nachlassenden Immunität bzw. einer unzureichenden Immunität nach Impfung. Mit der Einführung des Zwei-Dosen-Impfschemas konnte die Schutzrate der Varizellen-Impfung deutlich erhöht werden.
Indikationen
Neben der Varizellen-Impfung im Kindes- und Jugendalter ist entsprechend den Impfempfehlungen der STIKO eine Impfung auch bei folgenden Personen indiziert:
• Seronegative Frauen mit Kinderwunsch
• Seronegative Patienten vor geplanter immunsuppressiver Therapie oder Organtransplantation
• Seronegative Patienten unter immunsuppressiver Therapie, hierbei spezielle Hinweise im Epidemiologischen Bulletin, Sonderdruck November 2005, beachten
• Empfängliche Patienten mit schwerer Neurodermitis („empfängliche Personen“ bedeutet: keine Impfung und anamnestisch keine Varizellen, oder bei serologischer Testung kein Nachweis spezifischer Antikörper)
• Empfängliche Personen mit engem Kontakt zu den unter Punkt 2. bis 4. Genannten
• Seronegatives Personal im Gesundheitsdienst, insbesondere in den Bereichen Pädiatrie, Onkologie, Gynäkologie/Geburtshilfe, Intensivmedizin und im Bereich der Betreuung von Immundefizienten sowie bei Neueinstellungen in Gemeinschaftseinrichtungen für das Vorschulalter
Die Varizellenimpfung ist auch zur postexpositionellen Varizellenprophylaxe geeignet. Bei ungeimpften Personen mit negativer Varizellen-Anamnese und Kontakt zu Risikopersonen ist eine postexpositionelle Impfung innerhalb von 3 Tagen nach Beginn des Exanthems beim Indexfall bzw. innerhalb von 5 Tagen nach Kontakt mit dem Indexfall zu erwägen. Auf Vermeidung von Kontakten zu Risikopersonen sollte strikt geachtet werden.
Literatur
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